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Dienstag, 17. Juli 2001
 

Liebste Wessi!!!

Ich liege mausetot in meinem Espace und strecke alle Viere von mir!! Was für eine Reise!!! Auch wenn alles super geklappt hat, alleine war es schon ganz schön anstrengend!! Heute morgen habe ich noch in aller Ruhe ein paar Sachen in Tarifa erledigt, mich dann ausführlich von Rob verabschiedet und um elf Uhr war ich am Hafen, um die Fähre nach Tanger zu kriegen. Da es im Juli von Tarifa aus keine frühere gibt, blieben mir also nach der Ankunft gerade mal noch zehn Stunden Tageslicht für die Reise, was laut Yvonne von BULL Sails gerade mal so reicht für die ca. 800 km nach Essaouira.
Die Überfahrt verlief sehr relaxt, da gottseidank überhaupt kein Wind war (ich möchte aber nicht wissen, was los ist, wenn 8-9 Beaufort durch den Estrecho pfeifen...!!!), allerdings hatte ich schon drei recht aufdringliche Nachfragen, warum ich keinen Mann dabei hätte, zu überstehen, bevor ich auch nur den Fuß auf marokkanischen Boden gesetzt hatte. Das gibt einem echt ein gutes Gefühl als alleinreisende Frau!!!!
Ich hätte mir vielleicht doch von irgendjemandem einen Ehering ausleihen sollen!!!!!
 
Leider dauerte die Zollabfertigung im Hafen von Tanger eine glatte Stunde (hätte ich doch auch echt wissen können...), so daß von meinen kostbaren zehn Stunden Tageslicht nur noch neun übrigblieben. Ich gab also echt Gas, wuselte mich durch den oberchaotischen Verkehr von Tanger (wichtig ist, daß man gleich kapiert, daß der Verkehr nach dem einen Motto läuft: "Der Größte, Stärkste oder Schnellste gewinnt!") und fand auch recht schnell die Landstraße nach Larache-Casablanca. An diesem Punkt möchte ich sagen, daß ich nie wieder behaupten werde, die Spanier würden überholen ohne Rücksicht auf Verluste - hier in Marokko wird man wirklich demütig im Bezug zum Chaos im Rest der Welt!!! Die Art der Marokkaner, zu überholen, ist definitiv nicht anders zu bezeichnen als "lebensmüde"!!!! Schnell mußte ich allerdings feststellen, daß Anpassung gefragt ist, denn bei den Massen an betagten Lastern und völlig überladenen Taxis hätte ich die Strecke niemals in neun Stunden geschafft!!! Du wärst echt stolz auf mich gewesen, innerhalb von einer halben Stunde wurde ich zur absoluten Überhol-Meisterin!!
Ab Larache gibt es dann gottseidank eine wunderschöne und fast leere Autobahn, die eine locker bezahlbare Maut kostet und auf der man immerhin 120 km/h fahren darf. Wie immer hat mein Espace sich nicht daran halten wollen, ich hatte sogar Mühe, ihn wenigstens immer mal wieder auf 150 km/h runterzubremsen!! Man muß nämlich aufpassen - erstens gibt es permanent Polizei an den Seiten und denen sollte man laut Yvonne besser nicht in die Hände fallen, ohne nicht wenigstens Zigaretten dabei zu haben (hatte ich natürlich nicht!!!!) und zweitens kommt es dauernd vor, daß plötzlich ganze buntgekleidete marokkanische Familien aus den Büschen des Mittelstreifens auftauchen und wie selbstverständlich die Autobahn überqueren!!!!
In El Jadida ging mir dann langsam das Benzin aus und ich sah mich mit dem Problem konfrontiert, daß man in Marokko nur an ca 5% aller Tankstellen mit Kreditkarten zahlen kann und wenn, dann meist nur mit einheimischen. So mußte ich mich also erst mal auf die Suche nach einem funktionierenden Geldautomaten machen, was mich wieder eine kostbare halbe Stunde kostete!
 
Nach El Jadida muß man dann leider die Straße ins Landesinnere Richtung Marrakesch nehmen und kommt so leider nicht mehr an den traumhaft schönen (aber windlosen) Atlantikstränden entlang, sondern fährt jetzt durch recht fruchtbare Felder, kleine Käffer und Eukalyptuswälder. Das Land ist erstaunlich flach - "brettl-eben", wie man in Bayern so schön sagt, dagegen ist selbst Holland hügeliger mit seinen Deichen!!! Außerdem fällt auf, daß hier in der Landwirtschaft wohl eine ziemliche Monokultur betrieben wird - 150 Kilometer lang gibt es nur Wassermelonen und Zwiebeln, die nächsten 100 Kilometer nur Kaktusfeigen und kurz vor Essaouira nur noch Trauben. Diese werden meist von Kindern am Straßenrand verkauft, die durch viel Gefuchtel auf sich aufmerksam machen, sobald sich ein Auto nähert.
Foto: Treal Ruiz
Ansonsten ist mir schon auf der Reise aufgefallen, daß es wirklich nicht viel Arbeit gibt, Frauen sieht man eh kaum und die Männer sitzen meist nur herum und warten - unter Bäumen, vor Haustüren, hinter ein paar Melonen am Straßenrand. Man hat das schreckliche Gefühl, daß sie ihr ganzes Leben lang auf etwas warten, was NIE eintreffen wird - es ist wirklich ganz schön deprimierend! Wenn man das sieht, versteht man, warum sie das Risiko eingehen, nachts bei horrendem Seegang in einem Schlauchboot den Estrecho zu überqueren, obwohl so viele dabei umkommen! Und erst recht, wenn man die meterhoch vollgepackten Autos mit französischen und niederländischen Kennzeichen der Exil-Marokkaner sieht, die es "geschafft" haben.
Wessi echt - wir haben so ein Glück, einen Job zu haben, der uns zudem auch noch solchen Spaß macht!!!! Erst wenn ich das hier sehe, weiß ich es wieder so richtig zu schätzen!!!
 
Da ich auf der erstaunlich gut ausgebauten und ausgeschilderten Landstraße teilweise mit 120 km/h durchbrettern konnte (wobei ich immer wieder Vollbremsungen einlegen mußte - wegen Hunden, Schafen, Eseln, Menschen und sogar Truthähnen, die die Straße überqueren, ohne nach rechts und links zu schauen!!!), war ich tatsächlich gegen 20 Uhr schon ca 50 km vor Essaouira. Da hier die Landschaft allerdings plötzlich bergig wird (es gibt richtige rote Canyons wie in Colorado) brauchte ich doch noch ein ganzes Weilchen und kam gerade kurz nach Sonnenuntergang an meinem Ziel an.
Vor dem Dunkelwerden hatte ich gerade noch Zeit, mich etwas zu orientieren, die Surfstation Océan Vagabond (die mir Rashid Roussafi schon per E-Mail empfohlen hatte) zu finden, dort die letzten Surfer vom Wasser kommen zu sehen (mit 4,2 qm Segeln - das kann ja heiter werden!!) und mir einen herzigen kleinen Campingplatz zu suchen, wo ich mich im Espace häuslich einrichtete, mein Naish-Board umarmte und sofort mausetot umfiel, um 12 Stunden am Stück zu schlafen!
 

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